“Wo der Hund begraben liegt“ - Pavel Kohout
von: jeremyas
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P a v e l K o h o u t
„K d e j e z a k o p á n p e s“
“Wo der Hund begraben liegt“ - Eine Auseinadersetzung mit dem Werk und seinem Autor
Pavel Kohout wurde am 20. Juli 1928 in Prag geboren und lebt abwechselnd in Wien und Prag.
Pavel Kohouts „rote Zeit“
Entgegen der weit verbreiteten Meinung kommt Pavel Kohout aus keiner roten Proletarierfamilie („dělnická třída“), sondern aus einem gutbürgerlichen bis bourgeoisen Familie. Sein Großvater war Filialdirektor einer Bank, der andere Zentraldirektor der Kohlebergwerke. Sein Vater hingegen durchbrach die bürgerliche Tradition gleich in mehrfacher Hinsicht und wurde zum „Sowjetmenschen“ (Zitat Kohout). Sein Vater OTOMAR, vom Beruf Bergwerkingenieur, arbeitete bis 1914 in Warschau als Bankbeamter und wurde nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges in Sibirien interniert. In der Zeit der Wirtschaftskrise in den 30er-Jahren wird Kohouts Vater für lange Zeit arbeitslos. „Weil er ein sozialistischer Mensch war, fand er keine Arbeit mehr.“ Die Familie lebte nun vom Verkauf von der Mutter gestrickten Pullover. Nebst den Ereignissen von München 1938 war es die Krisenzeit der Familie in den 30er-Jahren, die er wohl sehr gut aus den Erzählungen seiner Mutter kannte, die seine sozialistische ideologische Basis so sehr bestärkte. Seine Mutter LUDVIKA ŤALSKÁ bezeichnet Pavel Kohout als eine außerordentlich starke Persönlichkeit, die stets die Familie zusammen gehalten hat und doch voller Scham war, daß sie - die Tochter eines Bankdirektors - aus der Not heraus selbstgestrickte Pullover verkaufen mußte. Über seine Kindheit sagte und schrieb Kohout nie sehr viel. So wissen wir lediglich, daß er ein geliebtes Einzelkind war und an langwierigen und schweren Krankheiten litt. Seine Eltern waren zwar beide Katholiken, doch ihren Sohn Pavel tauften sie bei der in der Ersten Republik populären Böhmischen Brüderkirche, diese und ihre vollständige Vernichtung durch die Kommunisten wird dann Kohout, meist an besonders tragischen und hoffnungslosen Stellen in seinem Buch erwähnen. Seine Taufe bei der Böhmischen Brüderkirche blieb jedoch nicht nur ein Akt formaler Natur, er engagiert sich bis 1943 in deren Jugendgruppe und verfaßt Texte „Wider dem weihnachtlichen Konsumrausch“ und über die Spuren Hus’ im evangelischen Prag. Sehr einschneidend müssen für Pavel Kohout die Vorgänge um die Verhaftung des orthodoxen Pfarrers und Familienfreundes VLADIMÍR PETŘEK gewesen sein, welcher sich für die Londoner Fallschirm-Attentäter auf HEYDRICH aufopferte, in dem er sie in seiner Prager Kyrill- und Methodkirche versteckte. Die Familie Kohout fürchtete sich deswegen bis Kriegsende vor der Festnahme durch die Gesapo. In seinem autobiographischen Bekenntnis von 1949 schreibt er über ihn: „(…) Byl pravoslavným knězem, měl ježíšovskou tvář, chodil k nám poslouchat Moskvu (…). Němci strašlivě postupovali a on hovořil o Stalinovi, o Rudé armádě, a o marxismu-lenisnismu.(…)“ Später wird Pavel Kohout sagen, VLADIMÍR PETŘEK wäre es gewesen, der ihm den Glauben an eine neue, gerechtere aus der Sowjetunion kommenden Ordnung schenkte.
Am 1. Juni 1945 tritt sein Vater der KPTSch bei. Pavel ist indes voller Begeisterung für die sowjetischen „Befreier“. Zu seiner ersten breitflächigen Lyrik-Veröffentlichung kam es eher durch einen Zufall: Bei der Verabschiedung der Roten Armee auf dem Wenzelsplatz, rief er den zur Heimfahrt angetretenen russischen Soldaten einige Verse zu und dabei wurde auf ihn ein Redakteur des „RUDÉ PRÁVO“ aufmerksam und bat ihn, diese Verse doch an die Redaktion einzusenden. Im Jahr 1946, mit Erreichen der Volljährigkeit, wird er ordentliches Mitglied der KPTsch. Ein Jahr später maturiert Pavel Kohout trotz mehr als 400 Fehlstunden, die er durch außerschulische, journalistische und politische Aktivitäten entschuldigt. Seine Begeisterung für den Kommunismus ist ungebrochen, er glaubt ein Bestandteil jener Avantgarde zu sein, die dazu berufen sei eine bessere Zeit und Welt zu schaffen. Im Jahr nach seiner erfolgreich abgelegten Matura schreibt er sich – nachdem seine Wunsch-Hochschule, die der Politikwissenschaft erst am Entstehen ist - an der Philosophischen Fakultät der Karlsuniversität im Fach „vergleichende Literaturwissenschaft“ ein. Kohout sieht die Universität jedoch nicht nur als seine politische Spielwiese und besuchte aus Interesse auch Seminare, die ihm literaturwissenschaftliches Rüstzeug gaben. Insgesamt empfindet er das Studieren jedoch als Last, denn die wahre Schule für einen Revolutionär – und als solcher bezeichnete er sich bereits – ist nur die „Schule des Lebens“. Er wird sein Studium nie abschließen. Ende 1949 – zu Beginn der ersten inneren Selbstbereinigungswelle der Kommunisten - übernimmt Kohout einige Kulturposten in der Partei und es zeigt sich, daß er nun bereit ist seine Ideologie über langjährige Freundschaften zu stellen. So setzt er seinen persönlichen Mentor, den Begründer und Leiter des Disman-Ensembles ab, welcher erst überhaupt seinen Durchbruch ermöglichte. Kohout wird als kommunistischen Propagandadichter in seinen Jugendjahren vorgeworfen 1951 an den Hetzkampagnen der politischen Wochenzeitschrift des ZK der KPTsch (ÚV KSČ) "TVORBA" gegen den Dichter KONSTANTIN BIEBL und den Regisseur JIŘÍ FREJKA teilgenommen zu haben. Beide Kritisierten nahmen sich im Zeitraum von 1951 bis 1952 das Leben. Als noch folgenschwerer soll sich später für Pavel Kohouts seine allerdings nie vollständig aufgeklärte Mitarbeit als Agent der Stasi erweisen. Nach Aussagen seines eh. Führungsoffiziers aus den 50er-Jahren LUDVÍK ARAZIM konnte er freiwillig aus ideologischen Beweggründen für drei Jahre als Mitarbeiter gewonnen werden. Als Pavel Kohout nach der Wende 1989 Einsicht in seine Stasi-Akte erhält, wird ihr unglaublicher Umfang von 7500 (!) Seiten bekannt. Seine Stasi-Mitarbeit wird er später zugeben, doch wird er dann behaupten nie ein Spitzel (Konfident) gewesen zu sein. Einer der politischen Karriere-Höhepunkte in Kohouts kommunistischer Vergangenheit der 50er-Jahre war seine Tätigkeit an der tschechoslowakischen Botschaft von 1949 bis 1950 in Moskau als zweiter Kulturattaché. In der Zeit bis zum seinem weiteren großen Umbruch in seiner Biographie, dem IV. tschechoslowakischen Schriftstellerkongreß 1967 und dem Prager Frühling 1968 bekleidete er noch viele kulturpolitische Ämter: Von 1952 bis 1960 war er führendes Mitglied des ÚV ČSM . Ein Jahr lang war er der Chefredakteur der satirischen Zeitschrift DIKOBRAZ . Im Jahr 1956 übte er die prestigebeladene Funktion des innenpolitischen Kommentators und Redakteurs des tschechoslowakischen Fernsehens aus, danach arbeitete er als selbständiger Schriftsteller, stets im Genuß all der Annehmlichkeiten (Auslandsreisen, Kuraufenthalte, Stipendien) die ihm die Mitgliedschaft im kommunistischen Schriftstellerverband bot. Er arbeitete auch als erfolgreicher Dramaturg im Theater „Divadlo na Vinohradech“ und wurde zum meistgespielten tschechoslowakischen Autor in Rußland und Deutschland.
Vor und nach dem Prager Frühling
Im April des Jahres 1964 – also 11 Jahre nach Ende des stalinistischen Personenkultes durch die Enthüllungen des NIKITA CHRUSTSCHOW – zeichnet sich bei Pavel Kohout schon seit längeren ein politischer Gesinnungs-Wandel ab. In den „LITERÁRNÍ NOVINY“ rechnet er erneut durch seinen Artikel „KDO JSEM BYL…“ mit seiner stalinistischen Vergangenheit ab und möchte diese endlich ad acta gelegt wissen. Auf dem III. Kongreß des tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes (1963) fordert er auf „zur Suche nach der eigentlichen Wahrheit“ und meint damit auch die anstehende Revision der Schauprozesse der 50er-Jahre (SLÁNSKÝ) und die Rehabilitation ihrer Opfer. Daß er das aufrichtig meint, bezeugt auch sein im Roman festgehaltenes Engagement für die Herausgabe des Buches „ZPRÁVA O MÉM MUŽI “ der Witwe von RUDOLF SLÁNSKY, JOSEFA SLÁNSKÁ. Zu dieser Zeit verliert er noch keineswegs den Glauben am aufrechten Weg des Kommunismus, er gesteht sich jedoch ein, daß in den 50er-Jahren Irrtümer geschahen. Die „Revolution“ müsse jedoch weiterhin fortgesetzt werden. Der endgültige Bruch kündigt sich im Juli 1967 an, als er den Brief des russischen Dissidenten ALEXANDER SOLSCHENIZYN auf dem IV. Kongreß des tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes öffentlich vorliest und die Liberalisierung des Pressegesetzes einfordert. Die Kritik der Zeit richtet sich auch direkt gegen den Parteisekretär und Republik-Präsidenten ANTONÍN NOVOTNÝ , der als Verfechter der alternden poststalinistischen Ära, als rückwärtsgewandter Zensor und Bremser des Entstalinisierungs-Prozesses wahrgenommen wird. Durch die Einnahmen aus den westlichen Aufführungsrechten konnte er sich auch eine vollständige finanzielle Unabhängigkeit vom Staat sichern. Novotný tritt als KSČ-Parteisekretär ab, der beliebte junge Reformkommunist ALEXANDER DUBČEK wird sein Nachfolger. 650.000 Soldaten stellen dann die alte Ordnung wieder her. Es folgt die Abrechnung mit den „rechten Abweichlern“. Kohout wird mit Publikationsverbot belegt und aus der Partei ausgeschlossen. Doch ist er im Ausland so bekannt, daß er nicht so leicht mundtot gemacht werden kann - dieses Glück haben viele seiner Mitstreiter jedoch nicht und werden vom neuen Regime schnellstens ins existentielle Abseits getrieben. Als Auftakt der Repressalien gehen ihn schildert er in seinem Roman eine Szene aus dem Bistro des Schriftstellerverbandes: Dort wird er nicht mehr bedient und kommt deshalb tagtäglich zu Mittag mit seinem selbst zubereiteten Butterbrot. Die hörigen Schriftsteller haben in der Zwischenzeit, neue, blaue Mitgliedsausweise erhalten und öffentlich ihren reformistischen Irrlehren abgeschworen. Kohout legt seine Funktionen im Schriftstellerverband nieder und muß endgültig erkennen, daß mit dem neuen Regime unter dem einstigen Reformkommunisten und nunmehrigen Republik-Präsidenten, DR. GUSTÁV HUSÁK keine Gesellschafts-Diskussion mehr möglich ist.
"Normalisierung“ oder der „Stalinismus mit menschlichen Antlitz“
Mit dem Blut der Todesopfer des 20. August 1969 ist das letzte Aufblühen des Prager Frühlings definitiv zu Ende, der lange Prager Winter ist nun endgültig eingekehrt. Die ersten Schritte des neuen Regimes bei der Bekämpfung seiner „Feinde“, war es die Betroffenen um ihre bisherige Arbeitstellen zu bringen. Radiodirektoren, Hochschulprofessoren, Übersetzer und Schriftsteller betätigten sich von nun an als Abwasserreiniger, Maler und Heizer. Der Kraftraub und die Erschöpfung durch manuelles Arbeiten sollten ihnen keinen Raum mehr für geistige Aktivitäten geben. Bei Kohout ging das nicht auf, da er selbständiger Autor war und von seinen Einkünften aus dem Westen gut leben konnte. So wurde ihm zumindest gleich nach der Rückkehr von der Frankfurter Buchmesse (im Herbst 1969) der Reisepaß abgenommen.
Geheimdienst-Aktionen gegen Kohout und seine Freunde bis zur Zeit seiner Ausbürgerung
Auftakt mit der Aktion „DIALOG“
Das oberste Ziel der von der STASI geleiteten Aktion DIALOG, war es zunächst Kohout von seinen Kontakten mit dem Westen total abzuschirmen. Ihm vertraute Theaterleute und Journalisten oder Geschäftspartnern wurden keine Einreisevisa mehr erteilt. Befreundete Ausländer, wie z.B. der 1973 in der ČSSR akkreditierte westdeutsche Journalist HANS-PETER RIESE wurden ausgewiesen. Kohouts Briefe ins und aus dem Ausland wurden beschlagnahmt oder erst gar nicht zugestellt. Sein Telefon wurde zunächst abgehört und dann abgeschaltet. Jahr 1973 ist die StB von einer eher passiven (Abnahme von Führerscheinen und Personalausweisen, willkürliche Verhöre, Abhör- und Störaktionen) Bekämpfung Kohouts zu einer aktiven übergegangen. Doch nicht nur Kohout war in deren Visier geraten, genauso andere ehemalige exponierte Kulturschaffende wie VÁCLAV HAVEL, BOHUMIL HRABAL, LUDVÍK VACULÍK, IVAN KLÍMA u.v.a. Zu den persönlich bittersten Erkenntnissen Kohouts gehörte die Aufdeckung des Denunzianten Taub. Er war Kohouts bester („väterlicher“) Freund und sogar der Papagei-Namensgeber im seinen Memoroman (dort hieß er „Valtrrr“). Der Schauspieler und einstiger Antifaschist WALTER TAUB wurde zu einem der aktivsten Konfidenten der Stasi, die auf Kohout angesetzt wurden. Er mißbrauchte seine enge väterliche Beziehung zu Kohout und manipulierte ihn im Sinne des Regimes. Einer der wichtigsten Arbeitsziele von Walter Taub war es Pavel Kohout zur Emigration zu überreden.
Aktion „ASANACE“
Die Aktion „Asanace" fand in den Jahren 1978 bis 1984 statt. Das Erklärte Ziel war unter Anwendung von Psychoterror Regimegegner (meist waren es die Unterzeichner der Charta 77) zur Ausreise zu zwingen und sie dann auszubürgern. Kohout spekuliert der tschechoslowakischen Geheimpolizei diene die Ausweisung und anschließende Ausbürgerung ALEXANDER SOLSCHENIZYNS (1974)als Vorbild. Unmittelbar nach Solschenizyns Ausbürgerung fürchtet er gar eine Entführung in den Westen. Doch erst vier Jahre später nach versuchten Sprengstoffanschlag, Beschlagnahmung seiner Prager Wohnung, der Vergiftung seines geliebten Dackels (als letzte Warnung) und der drohenden Verurteilung seiner Frau zu 10 Jahren Haft, hat ihn das Regime dort, wo sie ihn haben wollte. Pavel Kohout beantragt die Ausreise. Andere Opfer der Aktion „Asanace“ waren zum Beispiel der Prager Rabbi: KAROL SIDON und der Schauspieler PAVEL LANDOVSKÝ. Hauptverantwortlicher für die Koordinierung war der Innenminister JAROMÍR OBZINA. Der traurige Höhepunkt dieser Aktion war der Tod des Philosophen und ersten Charta-77-Sprechers Jan Patočka nach nächtelangen Verhören. Die unglaublichen, menschenverachtenden Umstände seiner Beisetzung beschreibt Kohout im Memoroman wie folgt.
Die psychologische Vorgangsweise der Geheimpolizei StB
Erwähnenswert ist die genaue Motivation der Vorgangsweise für die an Kohout und seiner Frau begangenen Unrechtmäßigkeiten. Das Ziel war ja nicht die physische Ausschaltung Kohouts und seiner Frau (im Gegensatz zu den Prozessen der 50er-Jahre), sondern das Treiben Kohouts in eine psychologische Enge und Labilität, nicht zu letzt wohl in die „freiwillige innere Emigration“. Kurz- und mittelfristig sollte jedoch bei Kohout durch die ständigen Streßsituationen eine psychische Schaffenskrise und Schreibblockade verursacht werden. Kohout erkannte diese Ziele der StB sehr rasch und reagierte genau entgegengesetzt, je größer der Druck auf ihn lastete, desto mehr konnte er schreiben, er schaffte es sogar mit seiner seit Jahren schon brach liegenden KATYNĚ voranzukommen.
Pavel Kohout begann mit dem Schreiben seines Romans „KDE JE ZAKOPÁN PES“ 1984 am Lago Maggiore (Locarno/CH), also sechs Jahre nach seiner Ausbürgerung aus der Tschechoslowakei und schrieb ihn nach drei Jahren fertig. Erschienen ist sein Werk auf Tschechisch 1987 im Kölner Literaturverlag für tschechische Exilliteratur „INDEX“ und in der 3. Auflage dann kurz nach der Wende 1990 im Brünner Verlag „ATLANTIS“. Die Übersetzung von JOACHIM BRUSS wird ebenfalls 1987 im „ALBERT-KNAUS-VERLAG“ in München herausgegeben.
Die tschechische Ausgabe hat im Unterschied zur deutschsprachigen den Titelzusatz „Memoároman“, dies weist bereits auf die eigentliche Form des Romans hin. Die einzelnen Kapitel sind datiert und örtlich lokalisiert, der Autor beschreibt in der Ich-Form, jedoch formal adressiert an seinem vielgeliebten Dackel Edi was ihm, seiner Frau und seinen Freunden im Konflikt mit dem totalitären Normalisierungsstaat der 70er- und 80er-Jahre zugestoßen ist. Seine Aufzeichnungen sind jedoch nicht nur zeitlich gestaffelte Faktenbeschreibungen und Analysen seiner persönlichen Situation, sondern auch viele (interessante) manchmal fast pädagogisch anmutende Querverweise in die jüngere und entferntere Geschichte. Angefangen z.B bei Jan Hus oder der Erläuterung des Rolle des orthodoxen Priesters VLADIMÍR PETŘEK bis zur Hinrichtung von RUDOLF SLÁNSKÝ. Auf seinen gleichnamigen Sohn RUDOLF JR. und dem Klang seines Nachnamens in Polizeikreisen geht er im Buch mehrmals ein. „Sogar dem abgebrühtesten Stasi-Polizisten stockt bei seinem Namen der Atem“ und so bleibt er meist von ihnen unbehelligt und kann z.B. für Kohout den Chauffeur spielen. Sein Roman kann auch als ein spannender Detektivroman oder Politthriller gelesen werden, doch die ganze Tragweite seiner Gedanken, eröffnet sich einem erst, wenn man über eine Wissensbasis der politischen, geschichtlichen und kulturpolitischen Zusammenhänge der Zeit und deren Akteure verfügt. Kohout bemüht sich zwar diese Zusammenhänge anzudeuten oder gar zu erklären, doch ist das Buch auch eine Insiderbeschreibung. Auch seine eigene Rolle hinterfragt Kohout, auch wenn das einige Kritiker anders sehen und ihm ein sich-ins-richtige-Licht-rücken in seinem Roman vorwerfen. Eigentlich ist Kohouts Roman sehr vielschichtig und allgemeingültig geschrieben, d.h. er kann viele Leserschichten ansprechen. Manche Leser suchen nur nach dem Polit-Thriller der besonderen Art aus der Zeit des Kalten Krieges. Andere Leser suchen wiederum nach einer schwarzweißen Abrechnung mit dem Kommunismus (die sie aber nicht bekommen). Manche blenden das Zeitgeschichtliche aus, und sehen in seinem Roman die universellen Fragestellungen: Kann sich ein Mensch glaubhaft wandeln? Wie hätte ich mich in seiner Situation verhalten? Manchmal reicht es aber aus sich nur zu fragen: wäre ich (noch) Mensch, wäre ich anständig geblieben? Das mag vielleicht wie eine moralistische Betrachtungsweise aussehen, doch genau die hat Kohout in seinem Buch auch. Er geht in seinem Roman nicht gerade zimperlich mit der Kritik an seinen Mitmenschen um. Schon im Titel fraget er ja: „Wo ist der Hund begraben?“ Die Antwort ist: Er liegt tief in unsrem Innern begraben, weil wir die Hoffung und den Glauben begraben haben. Das was zwanzig Schritte südlich der Villentür in Sázava begraben wurde, sind aber auch Kohouts Hoffnungen und Glaube an eine bessere Tschechoslowakei und vielleicht gar die ersten leisen Zweifel an der Daseinsberechtigung und der Durchführbarkeit des Kommunismus. Manchmal schwingt er sogar eine richtige Moralkeule über den Köpfen des tschechoslowakischen Volkes, sowie es manche heute noch wegen seiner stalinistischen Vergangenheit über seinem Haupt machen. Daß manche eifrigen Reformatoren und Parteifreunde der Dubček-Ära aus der Zeit des Reformkommunismus nach 1968 zu den größten Normalisatoren wurden, wundert ihn nicht (mehr). Überrascht ist er jedoch von der Geschwindigkeit mit der sich die graue Hoffnungslosigkeit nach dem Prager Frühling bei den Menschen ausbreitet. Er wirt vielen vor sich mit den Umständen arrangiert zu haben, sich verkauft zu haben für etwas bescheidenen Wohlstand und die Befriedigung moderner Konsumbedürfnisse. Als ein Beispiel des Prototyps menschlichen Anstands (ohne gleich ein Held und Märtyrer sein zu müssen) führt er mehrmals seinen eh. Nachbarn, den Schweizer Botschafter, dem auch sein Roman gewidmet ist, Herr WALTER JÄGGI an. Dieser hält die Wohnungsräumung und den „Festhaltegriff“ gegen Kohouts Ehefrau Zett fotografisch fest und ist bereit vor Gericht als gewichtiger Zeuge auszusagen. Formal hat Pavel Kohout seinen mit 427 (tschechische Ausgabe) bzw. 527 (deutsche Ausgabe) Seiten recht umfangreichen Roman so konstruiert, daß zwei zeitlich getrennte Ebenen sich Kapitel für Kapitel abwechseln und sich gegen Schluß einander nähern. Sein Stil ist dabei keineswegs faktographisch, er schreibt zuweilen sarkastisch, doch stets voller bitterer Ironie, so daß man sich sogar an den dramatischsten, traurigsten und düstersten Textstelle ein Schmunzeln nicht ganz verkneifen kann.
Inhalt
Der Inhalt deckt sich großteils mit der erörterten Biographie Kohouts ab dem Jahr 1960. Er schildert uns die Geschichten all derer die durch die politische Situation ab 1968 am Charakter formiert bzw. deformiert werden. Hier sei der Inhalt nochmals kurz zusammengefaßt: In seinem idyllischen Haus am Flüßchen Sázava im Dorf Sázava (etwa 60 km von Prag entfernt) erreicht den Autor ein Drohbrief von Unbekannten Erpressern in dem sie die phantastische Summe von einer ½ Million Kronen von ihm verlangen. Pavel Kohout denkt sich es sei wieder eine von den üblichen Spielchen der Geheimpolizei. Er hatte da schon ganz anderes ertragen müssen. Schon bald stellt er fest, daß es sich dabei nicht um den üblichen dummen und dumpfen Stör- und Einschüchterungs-Terror handelt, sondern, daß hinter dem Ganzen ein ganzes Team von Fachleuten stehen muß, die sich seine psychische Vernichtung zum Ziel gesetzt haben. Eine gewisse Kreativität gesteht er ihnen sogar zu, als er und seine Frau nach einem harmlosen Witz über die Maul- und Klauenseuche – abgehört während eines Telefongespräches – in die Quarantänestation mit ebendiesem Verdacht in Prag eingeliefert und dort tagelang festgehalten und untersucht werden. Pavel Kohout wendet sich mit dem Drohbrief an seine Peiniger und wird der „gewöhnlichen“ Polizei, der Kriminalpolizei überstellt. Dieser und insbesondere dem sympathischen und um Aufklärung bemühten Kriminalkommissar scheint er zu vertrauen und beantragt von sich aus Personenschutz (in Wirklichkeit waren jedoch alle Kriminalpolizisten vorgeschobene Spitzel der Geheimpolizei und das ganze eine Inszenierung um ihn einerseits psychisch noch mehr unter Druck zu setzen und anderseits ihn und seine Freunde rund um die Uhr sorglos observieren zu können). In seinem Roman betrachtet er die Prager Kriminalisten als sachlichorientierte und fähige, aber dennoch glücklose Profis, die ohne es zu wissen gegen sich selbst arbeiten. Die StB steigert das Spiel und läßt bei Kohout eine Autobombe verstecken. Nach dem Tod durch Vergiftung seines geliebten Dackels und dem mißlungenen Mordversuch an seiner Frau, fühlt sich Kohout seines Lebens nicht mehr sicher und beantragt eine befristete Ausreisegenehmigung. Seine vorzeitige Rückkehr wird durch tschechoslowakische Grenzwachtorgane verhindert, er und seine Frau werden aufgrund fadenscheiniger Beschuldigungen ausgebürgert und somit staatenlos.
Die Reaktionen auf sein Werk fallen recht unterschiedlich aus. Es werden ihm „Geschwätzigkeit“, „Blumigkeit“ des Erzählstils und ein unnötig umfangreicher verwirrender Kapitelaufbau vorgeworfen. Polemisierend fällt die inhaltliche Kritik aus, die sich manchmal mehr gegen Kohout selbst als gegen sein Werk wendet. Meist geht es um Kohouts Rolle als „Romanheld“: Der Literaturkritiker JAN LUKEŠ (LIDOVÉ NOVINY) wirft Kohout in seinem Roman gar einen selbstverliebten Snobismus und einen nicht zu unterdrückenden Egozentrismus vor. BOHUŠ BALAJKA schreibt am 16.8.1990 in der Literaturzeitschrift TVÁŘ sinngemäß: Man solle doch nicht vergessen, daß Kohouts Stellung innerhalb der gewöhnlichen Dissidentenszene eine gänzlich andere gewesen sei. BOHUŠ BALAJKA stößt sich auch an Kohouts Wertung der politischen und kulturellen Situation nach 1956. Kohouts Autoglorifikation und seine prunkvolle Zuschaustellung des eigenen Narzißmus sind weitere Kritikpunkte.
Primärliteratur
Kohout, Pavel: „WO DER HUND BEGRABEN LIEGT“, ALBRECHT KNAUS 1987
Sekundärliteratur
Kosatík, Pavel: „FENOMÉN KOHOUT“, PASEKA 2001
Ambros, Veronika:
„PAVEL KOHOUT UND DIE METAMORPHOSEN DES SOZIALISTISCHEN REALISMUS“, PETER LANG 1993
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